Schlüsselfidel, Seljeflöjt und Hümmelchen – was mag sich hinter diesen Namen verbergen? Und welches der mitgebrachten Instrumente kann man diesen Begriffen zuordnen? Nun, in „Schlüsselfidel“ deutet der zweite Teil des Wortes auf ein Saiteninstrument hin und damit auf jenes Instrument, das von Marco Ambrosini im Schoß gehalten, mit der rechten Hand mit einem Bogen gestrichen und dessen Tasten bzw. „Schlüsseln“ mit der Linken gedrückt werden. Man könnte sagen, es handelt sich bei diesem Instrument um eine Kreuzung aus Geige und Drehleier. Während bei letzterem Instrument aber ein Rad die Saiten von unten in Schwingung versetzt, streicht bei der Schlüsselfidel der kurze Bogen von oben darüber. Unter den Melodiesaiten sind zusätzlich noch Resonanzsaiten angebracht, die nicht berührt werden, sondern durch die angespielten Töne zum Mitschwingen angeregt werden. So entsteht eine Art Halleffekt. Dieses raffinierte Instrument gab es schon im Mittelalter, wie Abbildungen und Beschreibungen aus Schweden, Dänemark, Deutschland, Österreich und Italien belegen. Als traditionelles Instrument der Volksmusik blieb die Kunst des Schlüsselfidelspiels vor allem in Schweden lebendig, man könnte die „Nyckelharpa“, so die auch international gebräuchliche Bezeichnung für dieses Instrument, auch als Nationalinstrument Schwedens charakterisieren. Beinahe jeden Tag haben die Schweden eine Abbildung dieses außergewöhnlichen Instruments in der Hand: Es ziert nämlich eine Seite des 50-Kronen-Scheins.

Dass die Nyckelharpa bzw. Schlüsselfidel mittlerweile auch außerhalb Schwedens an Bekanntheit gewinnt, ist einigen wenigen Musikern wie Marco Ambrosini zu verdanken, die das Instrument virtuos beherrschen, damit in der ganzen Welt konzertieren und sich dabei stilistisch nicht einschränken: Alte Musik lässt sich ebenso gut auf der Schlüsselfidel spielen, wie Klassik oder Jazz.

Was aber kann man mit einem „Hümmelchen“ alles anstellen? Das Hümmelchen ist, vielleicht entgegen so mancher Vermutung, kein Streichinstrument, mit dem etwa Rimski-Korsakows „Hummelflug“ original gespielt wurde. Der Name des Instruments hat auch weniger mit seiner Bauweise, die dem Körper einer Hummel ähneln mag, als vielmehr seinem Klang zu tun. Wenn Hummeln fliegen, erzeugen sie ein leises Surren. Um dieses Geräusch zu imitieren, könnte man z.B. zu einem Dudelsack greifen. Und tatsächlich gibt es so einen kleinen Dudelsack, der das Surren der Hummeln zu imitieren scheint, das Hümmelchen. Der Name könnte allerdings auch vom niederdeutschen „hämeln“ oder „humeln“, was „stutzen“ bedeutet, einer „gestutzten“ Sackpfeife also, was auch Sinn macht. Das aus einer zylindrischen Spielpfeife mit Doppelrohrblatt und zwei Bordunpfeifen mit Doppel- oder Einfachrohrblatt bestehende Hümmelchen wurde Anfang des 17. Jahrhundert von Michael Prätorius in seinem Syntagma musicum erstmals beschrieben. In diesem Werk, das für viele Musiker heute noch von großer Bedeutung ist, da es wichtige Anhaltspunkte zu historischer Aufführungspraxis und Instrumentenbau gibt, ist übrigens auch die Schlüsselfidel zu finden.


Die Bandbreite der spielbaren Werke für Schlüsselfidel, Hümmelchen, Obertonflöte, begleitet von Cembalo oder Orgel, ist größer, als man annehmen würde. So finden sich im heutigen Programm eher unbekannte Werke von Diego Ortiz aus dem 16. Jahrhundert, anonyme Tänze und Fantasien aus Ungarn und Italien und eine Suite von Esprit Philippe Chédeville, aber auch Bekannteres von Corelli, Bach und Vivaldi.


Marco Ambrosini, 1964 in Forlì/Italien geboren, studierte Violine, Viola und Komposition in Ancona und Pesaro. Er spielt mit der Orchestra Filarmonica Marchigiana und mit verschiedenen Ensembles für Alte, Barock- und Zeitgenössische Musik. Spezialisierung auf das Spiel auf der Schlüsselfidel. 1982 gründete er mit Peter Rabanser das Ensemble für Frühe Musik Oni Wytars. Gemeinsam mit Katharina Dustmann ist er künstlerischer Leiter des Studio Katharco - sound:creations. Seit 1993 Jazzkonzerte und -aufnahmen im Zusammenarbeit mit Carlo Rizzo, Valentin Clastrier, Jean-Louis Matinier und Michael Riessler. Zahlreiche Uraufführungen seiner Werke u. a. in der Alten Oper Frankfurt („Die Rückkehr des Marco Polo“) und der Maschinenhalle Zweckel („Zwischen Himmel und Hölle“).

Weltweite Konzerttätigkeit und zahlreiche CD-, Rundfunk- und Fernsehaufnahmen als Komponist, Solist oder als Mitglied des Ensembles Oni Wytars (Deutschland), Els Trobadors (Spanien), Ensemble Unicorn, Ensemble Accentus, Clemencic Consort, Armonico Tributo Austria (Österrreich), Ensemble Kapsberger (Norwegen), Vox Clamatis (Estland), Giovanna Pessi Quartet (CH).

1992 publiziert er das Lehrbuch „Einführung in die mittelalterliche Musik“.